Papertalk #00 mit Matti Cordewinus

Wenn du an deinen Arbeitsplatz oder in dein Atelier gehst, ist alles möglich

Zwischen Universal Music und cleanen Backsteinfassaden, in einem auffallend normalen Haus, liegt das Studio von Matti Cordewinus. Wir trinken Kaffee und schauen uns Fotos von seiner Osteuropa Tour an. Wir haben über seinen daraus entstandenen Kinofilm GRENZGEBIET und den Stoff, aus dem seine Filme sind gesprochen. Viel Spaß beim Lesen! 

MATTI CORDEWINUS Was soll ich dazu sagen? Der Trailer ist noch nicht abgeschlossen und heute bin ich zu matschig im Kopf, als das ich daran weiterarbeiten könnte, aber ich denke, dass ich morgen Nachmittag eine Entscheidung fällen werde. Das kriege ich hin.
KARL KOWALKE Dann hast du jetzt ja vielleicht genug Abstand. Inwiefern spielt Papier bei dir als Filmemacher eine Rolle?
MC Wenn ich auf Filmstoffe komme, dann beginnt es natürlich erst mal im Kopf, aber nur als eine Ahnung. Und es wird konkreter in dem Augenblick, in dem ich es fetzenweise auf ein A4 Blatt zeichne, was direkt vor mir liegt. Am besten funktioniert es, wenn man ungut drauf ist und eine Unruhe spürt, die man nicht zu greifen kriegt. Diese Unruhe wird griffiger, indem man Wörter auf’ s Papier schreibt, die im Einzelnen für einen Außenstehenden vielleicht gar keinen Sinn ergeben. Im Ganzen, wenn dann da zehn, zwölf, achtzehn Wortgruppen stehen und Wörter, die frei assoziativ auf das Blatt Papier getragen wurden, sieht man plötzlich die Verbindungen und daraus entstehen im Idealfall richtige Szenen. Der Antriebsmotor dafür ist ein ungutes Gefühl, das dadurch dann seinen Kanal gefunden hat oder verstanden wurde.
KK Das du dann aufarbeitest.
MC Ja, obwohl gar nicht mal unbedingt verstanden, aber ja es sichtbar wurde. Wie, dass du den Qualm erst siehst, wenn du die Taschenlampe draufhältst. Dann kommt erst richtig raus, was er für einen Ausmaß hat und wie er sich bewegt und so weiter.
KK Und aus dem Aufschreiben, aus der persönlichen Erfahrung, kann ein Film entstehen?
MC Genau. Und verrückterweise kommt man oft auf ein Filmthema, durch eine einzige Beobachtung, in der Stadt, in der Arbeitswelt und aus dieser Beobachtung entwickelst du eine kleine Szene für dich, die auch als Notiz oft nicht länger sein muss als ein Satz. Und aus dieser Notiz heraus entwickelst du eine ganze Geschichte und am Ende ist in dieser Geschichte, in diesem Film alles Mögliche drinne, nur nicht mehr diese Szene, durch die du angefangen hast, darauf zu kommen. Und das ist eigentlich  immer so. Verrückterweise.

KK Wie war das bei deinem Film GRENZGEBIET?
MC Ich habe oft gezweifelt während der Reise, ob das, was ich hier mache, überhaupt von Bedeutung ist. Und so ist es oft.
Man hält manchmal einfach das, was man gemacht hat, für den größten Scheiß, weil man keinen Abstand besitzt und dann gehen die Monate ins Land und der Blick verändert sich. Du wirst älter – ich bin ja auch während des Schnitts Vater geworden, mit einer Frau zusammengekommen, mit einer Frau zusammengezogen, getrennt und so weiter. Es passierte wahnsinnig viel. Mein Leben war eine Achterbahnfahrt und diese Achterbahnfahrt war notwendig, um einen anderen Blick auf mein Material zu bekommen. Und letztendlich war es dieser Blick, dieser veränderte Blickwinkel auf meine eigene Materie, der überhaupt möglich gemacht hat, dass daraus ein Film wurde.
Ja also, das sind künstlerische Vorgänge, die sind so undurchsichtig wie das Universum selbst. Und das macht es ja auch so wahnsinnig spannend.
Ach, schon toll!
Also, wie die Kunst, die man so macht, immer wieder aufs Neue überrascht und einen an Punkte führt, die man vorher gar nicht für möglich gehalten hat. Und das ist das Schöne daran.
Wenn du zu deinem Arbeitsplatz gehst, in dein Atelier oder in dein Büro oder sonst was – es ist alles möglich. Es kann alles passieren. Das ist das Tolle.
KK Du brauchst nur ein Blatt Papier und einen Stift.
MC Ja und keinen gesellschaftlichen Status. Und das war auch das, was mich beim Filmemachen, bei der Kunst, beim Writing und so weiter wahnsinnig fasziniert hat. Nur das, was in dir keimt, zählt. Nicht wie du aussiehst, ob du schiefe Zähne hast, dreckige Klamotten oder irgendwas. Es zählt das, was in dir drin ist. Ähm ja, das ist es wa.


KARL KOWALKE Was hast du aus unserem Papier gemacht?
MATTI CORDEWINUS Einmal habe ich meiner Schwester einen Brief geschrieben, zu ihrem 30. Geburtstag und ansonsten, hab ich das Buch verwendet um 5 Dinge auf die ich stolz bin, die mich glücklich machen jeden Tag aufzuschreiben.
KK Für den guten Vibe.
MC Für den guten Vibe und um mir vor Augen zu führen, dass selbst an Tagen, an denen ich denke: „Ach Scheißtag!“ – mindestens 5 Dinge da waren, die mich irgendwie beglückt haben, die mich weitergebracht haben, wo ich das Gefühl habe: Alter, dass hat mich irgendwie doch inspiriert, auch wenn ich die Ernte erst nächstes Jahr einhole, so ungefähr. Aber jeder Tag lohnt sich.
Egal, wie du dich daran zurückerinnerst.