Papertalk 02 (mit Paul Hutchinson)

Ich fotografiere genauso wie ich Texte schreibe, nebenbei

„Karl komm hoch!“ Paul steht oben an seinem ‚Atelier-Erker‘, genau genommen an seiner Tür ins nichts. Das ganze Gebäude ist so richtig schön pur. Warmer Backstein und große Fenster in Stahlrahmen. Eine kleine Oase am Zickenplatz, den ich auch anders kenne. Als ich oben ankomme, legt Paul gerade das Handy zur Seite und bietet mir Tee an. Den nehme ich Gerne!

KARL KOWALKE Was machen Sachen ? Das letzte Mal, als ich dich in deinem Studio besucht habe, hattest du gerade ganz frisch den Farbproof zu deinem Buch „Stadt für Alle“ auf dem Tisch liegen und ein nahendes Projekt in München. Jetzt ist das Buch draußen – bist du zufrieden?
PAUL HUTCHINSON Ja voll, dass dann so ein Projekt fertig und abgeschlossen ist. Das es draußen in der Welt ist und ich nicht mehr darüber nachdenken muss. Das hat jetzt sein eigenes Leben. Geht jetzt irgendwelche komischen Wege, die ich nicht beeinflussen kann und nicht beeinflussen möchte, so lebt das einfach für sich. – ich war schon vom Gefühl vor einem halben Jahr völlig woanders, aber dann kam halt noch die Produktion- das es auch fett werden muss. Jetzt bin ich voll woanders. Jetzt schon voll so pfff – ich weiß gar nicht mehr wie die Seitenfolge ist (lacht) ..
KK Schließt du dann auch ab mit deinen Arbeiten, das du sagst: „So jetzt ist es in Buchform“ – klappst es zu – weggepackt?
PH Ne ne. Das nicht. Überhaupt nicht. Auch nicht mit dem Thema oder dem Diskurs – das beschäftigt mich noch, aber das Objekt Buch – was da alles dazu gehört. Okay, Wie hoch, breit wird das? Wie dick die Seiten, welche Grammatur das Papier? Was für Papier? Welche Pfalz? So diese prakmatischen Fragen, die sich dann in der Produktion stellen. Und auch Timing, wann wird’s fertig? Wann kommts raus? Also dieser ganze Admin, so Orgakram, der dann einfach viel Mindspace und auch viel Zeit frist- auch berechtigterweise – aber das ist komplett weg! Das ist alles vorbei. Klar die Bilder leben weiter und ich werde auch mit den Arbeiten ausstellen, aber dieses Nachdenken über das Buchobjekt, das ist vorbei.
KK Viele geben, wegen der vielen Entscheidungen, das Editorial ab. Dir scheint das wichtig zu sein. Das Zusammenspiel von der Schrift, den kurzen Texten und den Bildern.
PH Voll, Also das macht mir krass viel Spaß und gibt mir auch voll was, wenn ich merke, ok hier oder da funktioniert’s für mich und es macht irgendwas mit mir, oder da oder da funktioniert’s noch nicht und ich muss nochmal dran arbeiten oder die Idee verwerfen- und dieser Prozess macht mega bock. dieses richtig reintauchen ins Buch, du musst dir vorstellen: ich hab n Pool aus Bildern, wo ich denke ok die sind irgendwie relevant und n Pool aus Texten, wo ich denke die sind irgendwie relevant und die müssen autark für sich funktionieren. die Bilder müssen stark sein für sich und die Texte müssen stark sein für sich. Auch wenn die schwarz auf weiß einfach nur stehen und dann war’s ja bei dem Projekt so, ok ich werfe das echt alles zusammen und übereinander und guck was passiert ich hatte das schon in anderen Magazin Edits angefangen, aber hier nochmal auf die Spitze getrieben, und das ist dann immer eine Herausforderung. Auch dieser Balanceakt, wie wann ist es zu viel, was ist zu gewollt, wann hat’s ne eigene Poesie, wann ist es eine Überlagerung, die unnötig ist? und genau das hast du bei Gestaltungsprozessen wie jetzt bei dem Buch, das du guckst ok ej sag ich das jetzt hier doppelt und dreifach? betone ich das irgendwie 15 mal und merks nur selber nicht ? oder ist das echt cool und richtig und soll so da stehen. Da eine Sensibilität zu entwickeln und überhaupt aufzubauen, is schon voll die Herausforderung.
Und da liege ich auch hundert pro ein paar mal falsch, also ich wette in 5 Jahren, wenn ich mir das Buch angucke bin ich irgendwann so, ja ok da war ganz nett aber hat nicht geklappt so (lacht) und da ist vielleicht ganz cool und es wirkt immer noch.
KK Aber das macht’s auch irgendwie aus oder?
PH Voll.
KK Also manchmal gewinnen Sachen auch dadurch, dass die irgendwie … doof sind. Weißt du wie ich meine?
PH Ja voll. Genau. nicht safe play zu machen, weißte? Auch für mich selbst Sachen zu probieren von denen ich noch nicht weiß, ob ich sie kann und ob sie wirklich so gut sind. sich dann trotzdem den Raum zu nehmen und es trotzdem zu probieren und vielleicht zu scheitern dann zu sagen ja ok da hat’s vielleicht nicht so gut geklappt aber hier und da schon. das zeigt sich erst immer nach Jahren, was wirklich übrig bleibt, aber ich finde das voll ok und ich finde das ist auch Teil von Prozessen, ist irgendwie auch klar bei uns allen, Künstlerinnen, wer auch immer, Leute die allgemein produzieren, da kommt auch krass viel Quatsch raus und ist auch ok, ich finds voll ok – ich finds überhaupt nicht schlimm.
KK Im Handwerk ist das auch so. Du darfst keine Angst vor dem Material haben oder davor etwas kaputt zu machen. Es geht immer vor allem darum „es zu machen“. Wenn es kaputt geht, ok passiert –
PH Weiß – aber weiter geht’s
Ich denke auch, gerade jetzt in der Kunst, wo alles– allgemein im gesellschaftlichen Diskurs- so corporate so profil scharf sein muss, damits dann auf Insta funktioniert, damits dann irgendwie Leute zuordnen können und du kannst nur deine eine Nummer fahren, die musst du 150 000 mal durchziehen damit jeder weiß wer du bist. du bist der Typ der das Strichmännchen mit den drei Strichen malt- so der Modus, dass finde ich halt voll lame. Es is null Raum zum ausbrechen, es ist null raum zum Experimentieren, null polke, null craziness
KK Ey, die Sachen sind so tod!
PH Ja ich finds voll schwachsinnig, zu probieren sich selbst in so eine enge Liga zu packen. also warum ?
KK Voll.
deine kurzen Texte, die du im Buch hast, sind das tatsächliche Notizen? Die du dir im Alltag machst Also die wirken ja bisschen alltäglich, wenn man sich die anschaut. Wie flüchtige Gedanken oder Beobachtungen.
PH: Mhme , du musst dir vorstellen, dass ich das früher probiert habe, gebügelter zu machen und irgendwann hab ich mir auch die Freiheit in der Form erlaubt, wie ich’s jetzt mache, weil sich’s für mich richtig und natürlich angefühlt hat und auch dass ich schreibe in der Sprache, in der wir beide zum Beispiel auch sprechen und ich nicht so korrekt weißt du und dis war voll dis.. voll der wichtige Drang irgendwie, den ich gespührt habe, weil ich nie die Sprache mit der wir aufgewachsen sind zB. hab ich zum Beispiel nie gesehen in Büchern, Literatur oder wo auch immer ne? Und in den Nachrichten- keine ahnung oder halt wenn dann worüber berichtet wird, die Leute die so sprechen, so reden würden und das fand ich immer voll komisch und deshalb hatte ich voll den Impuls echt einfach in dieser rohen Form zu arbeiten, was auch voll meinen Bildern entspricht, weil’s im Endeffekt auch viel darum geht, so in der Form von Roheit irgendwie noch was authentisches, wahres, fragiles und schönes zu finden so und genauso probiere ich oder was heißt probieren , genauso fühle ich halt bei den Texten
Und bei den texten ist so, kann sein ,ey das ich echt in der U-Bahn sitze und ich seh irgendwas und mir kommt ein gedanke oder ich muss da an irgendeine Situation denken und zieh mein Handy raus und schreib 400 Wörter- so bambambambam und schick das, ich hab eine Archiv-Email-Adresse, wo ich meine Texte sammel und schick sie einfach nur ab und guck sie mir nicht mehr an und guck sie mir irgendwie drei monate später oder vier monate später oder ein jahr später an. Und guck so, ok ja krass da ist auf jeden fall viel Bullshit dabei, aber die vier Wörter, wenn die zueinander stehen sind irgendwie cool. So und dann fang ich an damit zu arbeiten und editiere dis so und dann genau oder viel mehr an dem Punkt, wenn ich damit arbeiten muss, wenn ich ein Buch mache oder ein Magazin-Edit oder wenn ich sage für den und den Kontext XY gerade das Bedürfnis mit Texten zu arbeiten dann guck ich halt rein in mein riesen Text-Pool so an, der super rough is und guck halt, ok was ist dadran, wo ist da was drin was irgendwie wahr- also was eine Wahrheit in sich trägt, was irgendwie cool ist für mich so, was ne Aussage hat die ich nach Vorne bringen möchte
KK Sortierst du die? Eigentlich clever, dass du sie an deine Email schickst, dadurch sind sie ja schonmal kalendarisch sortiert.
PH Ja genau, bambambam das geht dann so durch. genau, das ist der erste Schritt.. ähm, aber ok es, gabs auch Situationen, wo ich auch einfach aufm Computer geschrieben hab. wenn ich jetzt echt längere Texte geschrieben habe, Archiv-Email ist meistens der erste Schritt, dann werden die Texte daraus die ich relevant finde übertragen in nen Text-Folder, auf dem Computer wo hundert tausend Test-Dateien lagern, die Potential haben. Wo ich denke genau. Da komm Texte von Handygeschriebe, als auch Texte die ich am Computer schreibe rein.
KK Und handschriftliche Geschichten?
PH Mach ich auch, aber mach ich weniger muss ich sagen. Weils mein Workflow sich dahin mutiert hat, dass sich das einfach für mich am prakmatischsten – am lebensprakmatischsten am einfachsten ergeben hat. Das ich einfach so tippe und dann später digital drauf zugreife, aber ich schreib schon auch, per Hand viel, also ich lieb auch per Hand schreiben, aber dann mach ich tatsächlich ein Foto davon und schicks an meine Archiv-Email.
KK Echt?! Haha
PH Ja man. Ziemlich bekloppt oder?
KK Ja.
PH Mit den gleichen Keywords. Also mein Keyword ist immer Text. Also ich such nach dem Betreff Text. Dann kommen alle Texte. Da komm dann auch in dem Fall Fotos von nem Text.
wenn ich hier sitze irgendwas mache und Handy nicht am Start oder was auch immer oder wenn ich irgendwo bin oder irgendwas sketche auch.
KK Auch schnellen Notizen bergen viel Potential von dem du profitierst.
PH Voll. Also ich meine, ich glaube ich fotografiere auch genauso wie ich Texte schreibe, nämlich auch so nebenbei halt ne? Und ich glaub grad in Sachen, die beiläufig passieren steckt manchmal (sogar) tatsächlich viel Inhalt Aussage drin, die man nur irgendwie aufbrechen muss. So dekodieren und dann zeigen muss. Aufbrechen ist ein fieses Wort. (…) Es sind ja immer größere Aussagen die da drinne stecken. Darum geht’s ja. Weißte wenn mich nervt, dass ich durch Berlin fahre und nur so Luxusdinger überall hingestellt werden und ich dann denke „Boah die Ficker!“ is irgendwie so ein beiläufiger Gedanke, aber da steckt dann soviel Wut drin und soviel Ungleichheit und vertrieben werden und ich mir denke „ey alter geht nicht klar“   und Politik und ich denke an uns, ich denk an meine Familie, ich denk an meine Freundin und ich denk mir „boah die ficker“ aber da steckt dann tausend andere Sachen drin. (…?) Da geht’s dann um Neoliberalismus, um Stadtplanung und da stecken dann tausend Sachen drin. (16:39) und die kann ich dann so – raus – holen.
KK Ist ja oft so ne. Das die Intuition …
PH Und ich glaub, ich hab mir irgendwann bei meiner Arbeit im allgemeinen einfach mal erlaubt und da muss man sich auch erstmal drauf chilln auch zulassen diese Impulse echt ernst zu nehmen und dann auch zu sagen ok, ich geh auch noch mehr rein, weißt du, wenn ich das merke dann geh ich noch mehr rein und guck ok, was isn dis ? und sind halt 50% davon quatsch, aber dann sind die anderen 50% da ist was ehrliches dahnter.
Oder genau son Beispiel: Ich hab mal ein Buch über Schmetterlinge gemacht, sone kleine Publikation, wo ich als ich in Asien war so Schmetterlinge fotografiert habe, die so durch die crazy Großstädte geflogen sind nebenbei. Und dis halt auch. Es war auch so, ich hab so gesehen, hab so angefangen Bilder zu machen von so Schmetterlingen die so durch Skyscraper   , graue Städte so durchfahren- äh durchfahren- durchfliegen und dacht mir so , poah das ist potentiell mega cheesie, aber potentiell ist es irgendwie auch voll cool, weils genau die oder das narrativ in sich trägt was ich sowieso suche in meiner Arbeit. So nämlich diese Zerbrechlichkeit innerhalb von diesem Roughen, Krassen so. Und ey scheiß drauf ich probiers einfach. Und einfach ein Monat lang die Art Bilder gemacht. Und dann drei Monate später das kleine Buch publiziert und dann zwei Jahre später gemerkt, ey das war genau der richtige Move, dieser bekloppten Idee oder dieser bekloppten Intuition zu folgen. So weils genau dem entspricht, was ich so in mir trage und was ich sowieso nach vorne bringen möchte. Und dann vier Jahre später krieg ich n Anruf, kommst gerade rein, is n Typ der Bild XY aus der Serie kaufen will. Und dann ist es so, weißte? Ja dann machts irgendwie sinn.
KK Geil.
Ist die Publikation dann wichtig für dich? Also das ganze dann in einen Kontext zu setzen?
PH Ja voll. Also ich glaube, Publikationen sind halt cool, um so, so eine gewisse Klammer für Sachen zu setzen. Wie halt jetzt zum Beispiel diese Schmetterlinge, (??) is halt nur eine kleine Publikation gewesen, aber setzt dann halt echt eine Klammer für diese art Werkgruppe zum Beispiel. Das wird sich auch noch aufbauen und ist auch noch nicht abgeschlossen, aber dis is dann cool, sagen zu können, dass dieser Strands of Thought da einfach so gefasst wurden ist. 2016 BAM hab ich das gemacht zum Beispiel. Während jetzt in fünf Jahren 2025 kann ich sagen 2020 hab ich „Stadt für Alle“ gemacht. Weil mich da, was mich sowieso schon seit fünf Jahren bewegt, weil es da zum Gipfel kam. Das ich einfach dieses Buch rausbringen musste, weil da gerade die Welt so und so passiert ist. Von daher ist das voll cool, ja. Finds schon wichtig.